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Impressionen und Geschichten



Neues

Paulo Coelho: "Vom Glück des Lebens" · 26.07.10

Norma und die guten Dinge
In Madrid lebt Norma, eine ganz besondere Brasilianerin. Die Spanier nennen sie “Rock-Oma”. Sie ist über sechzig Jahre alt, hat mehrere Jobs gleichzeitig und erfindet und organisiert ständig neue Veranstaltungen, Feste, Konzerte.
Einmal habe ich Norma um vier Uhr morgens, als ich selbst zum Umfallen müde war, gefragt, wo sie ihre Energie hernehme.
“Ich habe einen magischen Kalender. Wenn du willst, zeige ich ihn dir.”
Am nächsten Nachmittag habe ich sie zu Hause besucht. Sie zeigte mir ein altes, vollgekritzeltes Blatt Papier.
“Heute jährt sich die Erfindung der Schutzimpfung gegen Kinderlähmung”, sagte sie. “Das wollen wir feiern, denn das Leben ist schön.”
Norma hatte für jeden Tag des Jahres aufgeschrieben, was in der Vergangenheit an diesem Tag an Gutem geschehen war.
Für sie war das Leben täglich ein Grund zur Freude.

Der Australier und die Anzeige in der Zeitung
Der Wanderer steht im Hafen von Sidney und blickt auf die Brücke, die beide Teile der Stadt miteinander verbindet, als ein Australier zu ihm tritt und ihn bittet, eine Anzeige aus der Zeitung zu lesen.
“Die Buchstaben sind sehr klein”, sagte er. “Ich habe meine Brille zu Hause vergessen und kann nicht entziffern, was da steht.”
Der Wanderer hat seine Lesebrille ebenfalls nicht dabei und entschuldigte sich bei dem Mann.
“Nun, dann vergessen wir eben die Anzeige”, sagte der Mann. Und um das Gespräch fortzusetzen, sagte er: “Das geht nicht nur uns beiden so. Auch Gottes Sehfähigkeit ist getrübt. Nicht, weil er alt ist, sondern weil er es so will. Denn wenn jemand, der ihm nahe ist, einen Fehler begeht, kann er es nicht deutlich sehen. Und weil er nicht ungerecht sein will, vergibt er ihm.
“Und was ist mit den guten Dingen?”, fragte ich.
“Nun, Gott vergisst nie seine Brille zu Hause”, lacht der Australier, als er sich entfernt.

Tödliche Eifersucht
Am Tag nach meiner Ankunft in Australien nimmt mich mein Verleger in einen Naturschutzpark unweit von Sidney mit. dort gibt es in den Blue Mountains mitten im Wald drei Felsformationen, die wie Obelisken aussehen.
“Das sind die ‘Drei Schwestern’”, sagt mein Verleger und erzählt mir folgende Geschichte:
“Ein Zauberer war mit seinen drei Schwestern unterwegs, als sich ihnen der berühmteste Krieger der Gegend näherte.
“Ich möchte eines dieser Mädchen heiraten”, sagte er.
Wenn nur eine meiner drei Schwestern heiraten kann, werden die anderen beiden sich benachteiligt und hässlich vorkommen”, sagte der Zauberer zu dem jungen Mann.
“Wir müssen einen Stamm suchen, dessen Kriegern erlaubt ist, drei Frauen zu haben.”
Sprach’s und ließ den Krieger stehen.

Jahrelang durchwanderten die vier Geschwister den australischen Kontinent, ohne einen solchen Stamm zu finden.
Als die drei Schwestern schon alt und der langen Wanderungen müde waren, sagte endlich die Älteste: “Zumindest eine von uns hätte glücklich werden können.”
Ihr Bruder , der Zauberer, entgegnete:
“Ich habe mich geirrt. Aber jetzt ist es zu spät.”
Und er verwandelte seine drei Schwestern in Steinblöcke als Mahnung an alle, dass das Glück des einen nicht zwangsläufig das Unglück des oder der anderen bedeuten muss.

“Mehr über den Bestseller-Autoren und seine Bücher:
www.paulocoelhoblog.com

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