An ein und demselben Morgen erreichten mich drei Zeichen aus unterschiedlichen Kontinenten:
Eine E-Mail des Journalisten Laoro Jardim, in der er mich bittet, für einen Artikel über mich ein paar Daten zu bestätigen, und in der er die Lage in Rocinha, Rio de Janeiro, erwähnt.
Ein Anruf meiner Frau, die gerade in Frankreich angekommen ist: Sie war mit einem befreundeten französischem Ehepaar in Brasilien umhergereist, um ihnen unser Land zu zeigen, und berichtete mir, wie erschrocken und enttäuscht die beiden gewesen seien.
Und dann kam noch ein Journalist vom russischen Fernsehen und wollte von mir wissen:
“Stimmt es, dass zwischen 1980 und 2000 in Ihrem Land mehr als eine halbe Million Menschen ermordet wurden?”
“Selbstverständlich nicht”, antwortete ich ihm. Aber es stimmte leider doch: Der Journalist zeigte mir Daten eines “brasilianischen Instituts” (des IBGE, des Brasilianischen Instituts fürGeographie und Statistik). Ich schwieg. Die Nachrichten über die Gewalt in meinem Land überqueren die Ozeane, die Berge und landen bei mir. Was sollte ich dazu sagen?
Dazu kann man nichts sagen, denn Worte die nicht Taten werden, “bringen die Pest”, wie William Blake einmal geschrieben hat. Ich habe immer versucht, meinen Teil beizutragen. Ich habe mein Institut gegründet.
Dort versuchen zwei großartige Menschen, Isabella und Yolanda Maltarolli, 360 Kindern aus der Favela Pavoa Pavaozinho Bildung, Zuwendung, Liebe zu geben. Ich weiß, dass in diesem Augenblick Tausende von Brasilianern weitaus mehr tun, dass sie ohne staatliche Unterstützung, ohne private Hilfe arbeiten, nur um sich nicht von dem schlimmsten alle Feinde beherrschen zu lassen: der Verzweiflung.
Früher dachte ich, wenn jeder seinen Beitrag leiste, änderten sich die Dinge. Doch jetzt kommen mir Zweifel. Vielleicht stimmt das Sprichwort ja doch, das ich als Kind gelernt habe:
“Gegen Gewalt helfen keine Worte.”
Wie alle Brasilianer habe ich versucht, etwas zu ändern, habe gekämpft, mich bemüht zu glauben, dass sich die Lage in meinem Land eines Tages zum Besseren wenden werde. Aber mit jedem Jahr, das verging, kamen mir die Dinge komplizierter vor, und ds hatte nichts mit dem jeweiligen Regierungschef, der Partei, den Wirtschaftsplänen oder dem fehlen derselben zu tun.
Gewalt ist mir überall auf der Welt begegnet. Ich erinnere mich, wie ich kurz nach dem Ende des verheerenden Krieges in Libanon mit einer Freundin, Söula Saad, durch Beirut ging. Sie erzählte mir, ihre Stadt sei schon siebenmal zerstört und wieder aufgebaut worden. Ich fragte scherzend, wieso sie es denn nicht aufgäben und an einen anderen Ort zögen.
“Weil es unsere Stadt ist”, war ihre Antwort.
“Weil der Mensch, der den Boden nicht ehrt, in dem seine Vorfahren begraben sind, für immer verdammt sein wird.”
Der Mensch, der sein Land nicht ehrt, ehrt sich selber nicht. In einer Sage des klassischen Altertums wird Pandora vom Göttervater auf die Erde geschickt, um die Menschheit für den Feuerdiebstahl des Prometheus zu bestrafen. Mit sich führt Pandora eine Büchse, die sie jedoch auf keinen Fall öffnen darf. Doch wie Eva in der Bibel kann auch Pandora der Versuchung nicht widerstehen und gibt ihrer Neugier nach. Sowie sie den Deckel öffnet, kommt alles Böse heraus und verteilt sich auf der ganzen Welt. Nur eins bleibt in der Büchse: die Hoffnung.
Daher darf ich, auch wenn alles dagegen spricht – trotz meiner Traurigkeit, meines Gefühls der Ohnmacht, meines nicht geringen Pessimismus – nicht das Einzige aufgeben, was mich am Leben hält: die Hoffnung. Dieses Wort, das die Pseudointellektuellen immer wieder ironisch als Synonym für “Selbstbetrug” verwenden. Und das die Regierungen missbrauchen, wenn sie versprechen, was sie nicht halten können.
Hoffnung ist ein Wort, das häufig am Morgen bei uns ist, im Laufe des Tages verletzt wird und am Abend stirbt, jedoch mit der Morgenröte wieder aufersteht.
Ja, ein Sprichwort besagt:
“Gegen Gewalt helfen keine Worte.”
Aber es gibt auch das Sprichwort:
“Solange es Leben gibt, gibt es Hoffnung.”
Und ich mache es mir zu eigen.
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