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Impressionen und Geschichten



Neues

Paulo Coelho: Auf der Suche nach dem Baum des ewigen Lebens" · 28.02.14

Der berühmte persische Dichter Rumi erzählt, dass in einem Dorf des heutigen Iran eines Tages ein Mann auftauchte, der wundersame Geschichten über einen Baum erzählte, der demjenigen, der seine Früchte aß, Unsterblichkeit verlieh.
Die Nachricht gelangte dem König zu Ohren, doch noch ehe er in Erfahrung bringen konnte, wo sich dieses Wunder der Natur befand, war der Mann spurlos verschwunden.

Der König aber war entschlossen, unsterblich zu werden, denn er wollte genügend Zeit haben, um sein Reich zu einem Vorbild für alle Völker dieser Erde zu machen. In seiner Jugend hatte er davon geträumt, die Armut zu beseitigen, Gerechtigkeit zu lehren und dafür zu sorgen, dass keiner seiner Untertanen hungern musste. Bald aber hatte er feststellen müssen, dass diese Aufgabe innerhalb eines Menschenlebens nicht zu schaffen ist.

Nun aber hatte ihm das Schicksal eine Chance gegeben, die er sich nicht entgehen lassen würde. Daher rief er den tapfersten Mann seines Hofstaates zu sich und trug ihm auf, den Baum zu finden.
Schon am nächsten Tag zog der Mann mit ausreichend Geld davon, um für die Wegzehrung und für die Informationen zu bezahlen, die er brauchte, um an sein Ziel zu gelangen. Er kam durch Städte, Ebenen, Gebirge, fragte nach dem Weg und verteilte Belohnungen. Die Ehrlichen sagten ihm, den Baum gebe es nicht: die Zynischen behandelten ihm mit ironischem Respekt, und ein paar Betrüger schickten ihn, nur um ein paar Münzen zu erhalten, an entlegene Orte.
Nach vielen Enttäuschungen beschloss der Mann, die Suche aufzugeben und mit leeren Händen zu seinem Herrscher zurückzukehren, den er zutiefst bewunderte.

Er wusste, er würde deswegen seine Ehre verlieren, aber er war die Suche leid und mittlerweile überzeugt, dass es den Baumgar nicht gab. Auf dem Rückweg erklomm er einen kleinen Hügel, und ihm fiel ein, dass dort ein Weiser lebte.
“Ich habe keine Hoffnung mehr, zu finden, was ich wollte”, dachte er, “aber ich kann zumindest den Weisen um seinen Segen bitten und ihn anflehen, für mich zu beten.”

Als er vor dem Weisen stand, übermannten ihn die Tränen.
“Warum bist du so verzweifelt, mein Sohn?”, fragte der heilige Mann.
“Der König hat mir aufgetragen, einen auf der Welt einzigartigen Baum zu finden; seine Frucht lässt uns ewig leben. Ich habe meine Aufgaben stets treu und mutig erfüllt, aber dieses Mal kehre ich mit leeren Händen zurück.”

Der Weise lachte:
“Was du sagst, gibt es durchaus! Es ist aus dem Wasser des Lebens gemacht, das dem unendlichen Ozean Gottes entstammt. Dein Fehler war, eine Form mit einem Namen zu suchen. Manchmal heißt sie ‘Baum’, dann wieder ‘Sonne’, mal auch ‘Wolke’, und wir können ihr den Namen eines beliebigen Dinges geben, das auf der Erde existiert. Dennoch muss man, um diese Frucht zu erlangen, der Form entsagen und den Inhalt suchen. Alles, worin die Schöpfung gegenwärtig ist, ist in sich ewig, nichts kann zerstört werden. Hört unser Herz auf zu schlagen, wird unsere Essenz zur Natur ringsum. Wir können Bäume werden, Regentropfen, Pflanzen oder gar ein anderer Mensch. Warum sich also beim Wort ‘Baum’ aufhalten und darüber vergessen, dass wir unsterblich sind?

Wir werden immer in unseren Kindern wiedergeboren, in derLiebe, die wir der Welt entgegenbringen, in jeder großzügigen und mildtätigen Tat. Kehre nach Hause zurück und sage dem König, dass er sich nicht darum bemühen soll, die Frucht eines magischen Baumes zu finden. Jede Handlung, die er heute begeht, jede Entscheidung, die er heute trifft, wird viele Generationen lang fortbestehen. Bitte ihn daher, seinem Volk gegenüber gerecht zu sein, und sage ihm, niemand wird ihn vergessen, wenn er seine Arbeit mit Hingabe tut.
Sein Vorbild wird sein Volk prägen, ein Anreiz für seine Kinder und Kindeskinder sein, stets so gut wie möglich zu handeln. Und sag ihm noch folgendes: Jeder, der nur einen Namen sucht, bleibt dem Schein verhaftet, wird niemals das verborgene Geheimnis der Dinge und der Wunder des Lebens ergründen. Alle Kämpfe, die wir führen, werden um Namen ausgefochten: Besitz, Eifersucht, Reichtum, Unsterblichkeit. Vergessen wir aber den Namen und suchen wir die Wirklichkeit, die sich hinter den Worten verbirgt, dann haben wir alles, was wir uns wünschen – und zudem noch inneren Frieden.”

Mehr über den Bestseller-Autoren und seine Bücher:
www.paulocoelhoblog.com

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