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Impressionen und Geschichten



Neues

Paulo Coelho: "Unterwegs in der Welt" ·  8.03.14

Prag, 1981
Im Winter 1981 ging ich mit meiner Frau durch die Straßen von Prag, als wir einen jungen Mann sahen, der die Gebäude ringsum zeichnete.
Obwohl ich es schrecklich finde, auf Reisen Dinge mit mir herumzuschleppen (und es lag noch eine lange Reise vor uns), gefiel mir eine der Zeichnungen, und ich beschloss, sie zu kaufen. Als ich ihm das Geld gab, bemerkte ich, dass der jungen Mann keine Handschuhe trug, obwohl fünf Grad unter Null herrschten.
“Warum tragen Sie keine Handschuhe?” fragte ich.
“Um den Bleistift halten zu können.”
Und er fing an, mir zu erzählen, wie sehr er Prag im Winter liebte, es sei die beste Jahreszeit, um die Stadt zu zeichnen. Er war so glücklich über den Verkauf, dass er, ohne etwas dafür zu verlangen, meine Frau zeichnete.
Während ich darauf wartete, dass die Zeichnung fertig wurde, fiel mir auf, dass etwas sehr Merkwürdiges passiert war: Wir hatten beinahe fünf Minuten miteinander geredet, ohne die Sprache des anderen zu kennen. Wir hatten uns nur mit Gesten, lachen, dem Gesichtsausdruck und dem Wunsch verständigt, etwas miteinander zu teilen. Der einfache Wunsch, etwas zu teilen, führte dazu, dass wir in der Welt der Sprache ohne Worte eintauchte, in der immer alles klar ist und nicht die geringste Gefahr besteht, missverstanden zu werden.

Jemand kommt aus Marokko
Jemand kommt aus Marokko und erzählt mir eine witzige Geschichte darüber, wie bestimmte Wüstenvölker die Erbsünde sehen.
Eva ging in durch den Garten Eden, als die Schlange sich ihr näherte.
“Iss diesen Apfel”, sagte die Schlange. Eva, die von Gott wohl vorbereitet war, verweigerte sich.
“Iss diesen Apfel”, ließ die Schlange nicht locker, “denn du musst für deinen Mann noch schöner werden.”
“Das brauche ich nicht”, entgegnete Eva. “Denn er hat keine andere Frau neben mir.”
Da lachte die Schlange.
“Selbstverständlich hat er eine.” Und weil Eva es nicht glauben wollte, führte die Schlange sie auf einen Hügel, wo es einen Brunnen gab.
“Sie ist in dieser Höhle. Adam hält sie dort versteckt.”
Eva beugte sich darüber, sah das Spiegelbild einer schönen Frau im Wasser des Brunnens und aß umgehend den Apfel, den die Schlange ihr anbot.
Demselben Stamm aus Marokko zufolge kehrt nur derjenige wieder ins Paradies zurück, der sich im Spiegelbild des Brunnens erkennt und sich nicht mehr fürchtet.

Ich bin in New York
Ich befinde mich in New York, bin spät aufgewacht, habe ein Treffen, und als ich auf die Straße trete, stelle ich fest, dass die Polizei meinen Wagen abgeschleppt hat. Ich verspätete mich, das Mittagessen zieht sich länger hin, als vorgesehen, ich eile zur Verkehrsbehörde, um eine Strafe zu bezahlen, die mich ein Vermögen kostet.
Mir fällt die Dollarnote wieder ein, die ich gestern auf dem Boden gefunden habe, und ich stelle eine scheinbar verrückte Beziehung zwischen dieser Dollarnote und all dem, was heute Morgen geschehen ist.
Womöglich hatte ich den Schein aufgehoben, bevor der richtige Mensch ihn gefunden hat. Womöglich hatte ich diesen Dollar jemandem weggenommen, der ihn wirklich brauchte. Womöglich hatte ich in etwas eingegriffen, was vorbestimmt war.
Ich muss ihn loswerden. Sehe einen Bettler auf dem Boden sitzen, gebe ihm den Dollar – es sieht so aus, als habe ich die Dinge wieder ins rechte Lot gebracht.
“Moment”, sagte der Bettler. “Ich bettle nicht für Almosen. Ich bin ein Dichter.” Und er reichte mir eine Liste mit Gedichten, damit ich mir eines aussuche.
“Das kürzeste, ich habe es eilig.”
Der Bettler wendet sich mir zu und rezitiert:
Es gibt eine Möglichkeit, festzustellen, ob Sie Ihre Mission auf Erden schon erfüllt haben. Wenn Sie noch leben, dann nur, weil Sie sie noch nicht erfüllt haben

Mehr über den Bestseller-Autoren und seine Bücher:
www.paulocoelhoblog.com

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