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Impressionen und Geschichten



Neues

Paulo Coelho: "Über die Wichtigkeit eines Diploms" ·  9.03.14

Eine Baumreihe trennt meine alte Mühle in dem kleinen Pyrenäendorf vom Nachbarhof. Neulich kam mein Nachbar herüber. Er ist etwa siebzig Jahre alt. Hin und wieder sehe ich ihn mit seiner Frau auf dem Feld arbeiten und denke dann, dass sie alt genug sind, um sich zur Ruhe zu setzen.

Der Nachbar, der im Grunde ein netter Mann ist, beschwerte sich, das Laub meiner Bäume falle auf sein Dach, darum solle ich die Bäume fällen. Ich war schockiert: Wie konnte ein Mensch, der sein ganzes Leben in der Natur verbracht hat, wollen, dass ich etwas über Jahrzehnte Gewachsenes zerstöre, weil es zu Schäden auf den Dachziegeln führen könnte?
Ich lud meinen Nachbarn auf einen Kaffee ein. Ich sagte, ich würde ihm, sollten die Blätter Schaden an seinem Dach anrichten, ein neues bezahlen. Der Nachbar sagte, das interessiere ihn nicht. Er wolle, dass ich die Bäume fälle. Ich war verärgert und sagte, dann kaufe ich ihm eben seinen Hof ab.
“Mein Land ist nicht zu verkaufen”, entgegnete er.
“Aber mit dem Geld könnten Sie sich ein schönes Haus in der Stadt leisten und dort bis zum Ende Ihres Lebens mit Ihrer Frau wohnen, ohne strenge Winter und schlechte Ernten.”

“Der Hof ist nicht zu verkaufen. Ich bin hier geboren und aufgewachsen, und jetzt bin ich zu alt, um noch umzuziehen.” Er schlug vor, einen Sachverständigen kommen zu lassen, der die Angelegenheit begutachtet. So müsse keiner auf den anderen böse sein, wir seien doch Nachbarn. Als er ging, fragte ich mich: Warum hat er mir das Land nicht verkaufen wollen? Und ich begriff, dass sein Leben nur eine Geschichte hat und er sie nicht ändern will. In die Stadt zu ziehen bedeutet, die bekannte Welt zu verlassen.

Geht das nur meinem Nachbarn so? Nein. Ich glaube, allen geht das manchmal so – wir hängen so an unserer Art zu leben, dass wir eine große Chance ausschlagen, weil wir nicht wissen, wie wir sie nutzen sollen. Für meinen Nachbarn sind sein Hof und sein Dorf die einzigen Orte, die er kennt, und er will kein Risiko eingehen. Andererseits glauben Menschen, die in der Stadt leben, es sei notwendig, ein Universitätsdiplom zu erwerben, zu heiraten, Kinder zu haben und dafür zu sorgen, dass diese ebenfalls ein Diplom machen.

Niemand fragt sich: Könnte ich etwas anderes machen? Ich denke an meinen Friseur, der Tag und Nacht schuftete, damit seine Tochter ein Soziologiestudium abschließen konnte. Sie hat sogar eine Arbeit gefunden, allerdings als Sekretärin in einer Zementfabrik. Dennoch sagt mein Friseur stolz:
“Meine Tochter hat ein Diplom.” Die meisten meiner Freunde und deren Kinder haben auch ein Diplom. Das bedeutet aber nicht, dass sie die Arbeit bekommen haben, die sie anstrebten – ganz im Gegenteil. Sie haben studiert, weil ihnen gesagt wurde, wenn man es im Leben zu etwas bringen wolle, brauche man ein Diplom. (Und so sind der Welt vorzügliche Gärtner, Bäcker, Bildhauer Schriftsteller verloren gegangen.)

Vielleicht ist es an der Zeit, das Ganze zu überdenken: Die, die Arzt, Wissenschaftler oder Rechtsanwalt werden wollen, müssen studieren. Aber müssen das alle anderen auch? Ich überlasse es Robert Frost, die Antwort zu geben: Vor mir lagen zwei Straßen. Ich wählte die am wenigsten begangene. Und das genau machte den Unterschied.

P.S.: Um die Geschichte mit dem Nachbarn abzuschließen: Der Gutachter kam und legte ein ein französisches Gesetz vor, das vorschreibt, dass Bäume mindestens drei Meter vom Nachbargrundstück entfernt stehen müssen. Meine standen nur zwei Meter entfernt, uns ich werde sie fällen müssen.

Mehr über den Bestseller-Autoren und seine Bücher:
www.paulocoelhoblog.com

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